| Der letzte seiner
Art – Der Rote Thunfisch Thunnus thynnus

Bild: Tom
Puchner
Mit ein paar Schlägen des sichelförmigen Schwanzes
und dem starren, stromlinienförmigen Körper
beschleunigt der Rote Thunfisch, auch Blauflossen-Thunfisch
genannt, wie ein Porsche von Null auf 80 Kilometer pro
Stunde. Eindrücklich, trotzdem ein schlechter Vergleich,
wenn man bedenkt, dass der Widerstand von Wasser 700-mal
höher ist als von Luft. Der Rote Thunfisch fände
keine Herausforderer an Land. Dem Geparden, der mit
112 Kilometer pro Stunde das schnellste Landtier überhaupt
ist, würde er wohl um die Ohren flitzen. Sein Geheimnis:
Dank eines Wärmetauschers wird das sauerstoffhaltige
Blut auf dem Weg zu den Muskeln durch das wegfliessende
aufgeheizt, was eine höhere Leistung der Muskeln
erzeugt. Im Gegensatz zu anderen Fischen kann der Rote
Thunfisch seine Körpertemperatur auch im eiskalten
Wasser auf 27°C halten. Ein aussergewöhnlicher
Fisch, ein Zenith der Evolution.
Zu seinem Unglück ist der Käufer jedoch nur
an seinen Geschmack interessiert; sein rotes Fleisch
kitzelt die Geschmackspapillen der Fischesser so, wie
ein Aberdeen Angus Steak aus Argentinien die Fleischesser
in Höhenflüge versetzt.
Der Rote Thunfisch kommt im gesamten Nordatlantik bis
in den polaren Gegenden und seinen Nebenmeeren vor,
insbesondere im Mittelmeer. Es gibt zwei eindeutige
Populationen: eine im Nordwest- und eine im Nordostatlantik.
Offiziell soll es noch 10% der Bestände geben,
die in den 60-er Jahre vorhanden waren; Experten sagen,
dass es weit weniger sind. Trotz dieses Wissens wird
diese Art unbeirrt weiterbefischt: mit Wadennetzen,
Langleinen, Harpunen oder Angel und Rute. Legal oder
illegal – egal.
Wie schlecht es um den Thunfisch steht wird dadurch
bekräftigt, dass festgelegte Fangmengen nicht ausgenutzt
werden. So setzten die USA 2006 eine Quote von 1500
Tonnen fest, doch nur 600 Tonnen wurden gefangen. Was
darauf hinweist, dass die Quoten viel zu hoch sind.
Und die EU? Von 2000 bis 2009 subventionierte sie den
Ausbau ihrer Fangflotte noch mit 34,5 Millionen Euro:
Geld von europäischen Steuerzahlern, die kaum damit
einverstanden sind, dass damit Tiere ausgerottet werden.
Masttierhaltung wird Zucht genannt
Die Idee von sogenannten „Thunfischzuchten“
stammt aus Australien, wo Fischer herausfanden, dass
der kleinere Cousin des Roten Thunfisches, der Südliche
Blauflossen-Thunfisch, in ganzen Schwärmen gefangen,
in Käfigen im Meer gehalten und gemästet werden
kann. Im Unterschied zu Lachsen oder Forellen, lassen
sich Thunfische in Gefangenschaft nicht züchten;
sie pflanzen sich nicht fort.
In diesen Mastkäfigen werden die Thunfische mit
ökonomisch weniger interessanten wilden Fischen
(die wahrscheinlich selbst schon überfischt sind)
gefütterte bis der Ölgehalt in ihrem Fleisch
den richtigen Wert erreicht hat. Und den richtigen Preis!
Dann wird dem Thunfisch in den Kopf geschossen. Er wird
umgehend gefroren und nach Japan verfrachtet.
Diese Form der Mast hat schnell Nachahmer gefunden.
In weniger als 10 Jahren kam sie ins Mittelmeer, wo
sie verheerende Folgen für Tier und Mensch hat.
Es werden ganze Schwärme von jungen Roten Thunfischen
gefangen, die sich nie werden fortpflanzen und den Fortbestand
der Art sichern können.
Die ökologischen Probleme und Folgen sind dieselben
wie für die Massentierhaltung von Nutztieren an
Land: Anfälligkeit auf Krankheiten, Medikamentenzugabe,
die das Wasser belasten, hohe Konzentration von Fäkalien
und somit Überdüngung des Meeres. Das lokale
Ökosystem wird zerstört. Nicht zu vergessen
sind die Leiden der Fische wie Stress, Verletzungen,
zu wenig Bewegung und mehr.
Die Mastfarmen lassen die Preise für Roten Thunfisch
fallen und Fischer, die viel Geld in ihre Schiffe investiert
haben, müssen doppelt so viele Rote Thunfische
fangen, wie vorher, um gleich viel Verdienst zu erzielen.
Ein Teufelskreis.
Befischung – keine Chance für den Fisch
Der Rote Thunfisch ist gesellig. Er bildet zur Fortpflanzungszeit
sehr grosse Schwärme, wenn er in die Laichgründe
schwimmt. Die westliche Population entlang der Ostküste
der USA in die Karibik, die östliche Population
wandert aus dem Atlantik bis in die hintersten Ecken
des Mittelmeeres. Genau zu dieser empfindlichen Zeit
werden sie gefischt, da mit viel kleinerem Aufwand eine
viel grössere Ausbeute erzielt wird: die Wirtschaftlichkeit
ist gesichert. Mit kilometerlangen Langleinen mit Haken
oder mit Wadennetzen, die von Helikoptern aus gelenkt
werden, kann der allerletzte Fisch geortet und gefangen
werden. Der Fisch hat keine Chance zu entkommen.
Was Fischereibiologen schon seit Jahrzehnten fordern,
die Befischung während der Fortpflanzungszeit von
Mai bis Juli zu unterlassen, verhallt ungehört.
Wenn Fangverbote erlassen werden fallen diese nie auf
die Laichzeit und werden sowieso nicht eingehalten.
Japan - im Land der aufgehenden Sonne geht der Thunfisch
unter
Früher wurde in Japan Fisch eingemacht oder geräuchert.
Nach der Erfindung des Gefrierschranks in den Dreissigern
ist Japan auf den Geschmack von rohem Fisch gekommen.
Seither ist Japan die treibende Kraft für die Ausfischung
des letzten Thunfisches. 95 % der im Mittelmeer gefangenen
Roten Thunfische werden nach Japan geliefert.
Sushi ist das Carpaccio der Japaner. Frisch und kalt
serviert, als hätte der Fisch in der Küche
noch gelebt. Das rote Fleisch – ergo der Name
des Fisches - als Zeichen seiner Frische. Sashimi ist
dasselbe wie Sushi, wird aber ohne Reis serviert. Eine
Delikatesse, auf die kein Japaner verzichten will. Und
die in Europa, auch in der Schweiz, und Amerika mehr
und mehr Nachahmer findet: unwissend der Konsequenzen.
Als es noch kapitale Tiere gab, konnte ein einzelner
Roter Thunfisch bis zu 170'000 US$ erzielen. Heute gilt
es als Sensation, wenn für ein Fisch 8'000 US$
bezahlt werden. Wo früher Tiere von über 700
Kilogramm Körpergewicht und Längen von mehr
als 4 Metern gefangen wurden, sind die Fischer heute
über einen 200 Kilogramm schweren Fisch glücklich;
ein junger Fisch, der keine Nachkommen hinterlassen
hat.
Weil der Rote Thunfisch in kleinen Mengen gegessen
wird, ist er für jeden erschwinglich. Doch viele
kleine Mengen ergeben auch ein grosses Ganzes. Ein Frühstück
mit frischem Roten Thunfisch Sushi kostet in Japan rund
12 US$. In der Schweiz kann man für Fr. 100.- Thunfisch-Sushi
à discrétion essen. Die Menschen sind
sich nicht bewusst, dass sie ein Tier verspeisen, das
so selten wird wie ein Chinesischer Panda oder ein Spitzmaulnashorn.
Auch in der „dolphin safe“-Dose sind gefährdete
Thunfische drin!
Der beliebteste Thunfisch ist bei uns derjenige in der
Dose: der Weisse Thunfisch, auch Albacore genannt. Ob
in Salat, auf Pizza oder zu Pasta. Das typische weisse,
feste Fleisch des Dosenthunfisches passt dazu.
Seine Bestände sind ebenfalls stark zurückgegangen
trotz der Bezeichnung „dolphin safe“. Die
Bezeichnung mag Schutz für Delphine gebracht haben,
für andere Tierarten wie Haie, Schildkröten
– und für die Thunfische – ist das
kein Markenzeichen für eine sorgfältige Fischerei.
Für die Dosen-Thunfischesserinnen und -esser ist
wichtig zu wissen, dass die Belastung mit Schwermetallen
beim Albacore besonders hoch ist.
Eine Konferenz - Die letzte Hoffnung für den Roten
Thunfisch
Die 15. Artenschutzkonferenz CITES (Convention on International
Trade of Endangered Species of Wild Fauna and Flora)
findet vom 13. – 25. März 2010 in Doha, Qatar,
statt. Die Konvention gibt Empfehlungen zum internationalen
Handel mit bedrohten Tier- und Pflanzenarten ab. Die
Weltgemeinschaft (175 Länder) hatte die Chance,
über die letzten Roten Thunfische zu entscheiden
und ein internationales Handelsverbot auszusprechen
mit der Hoffnung, dass sich die Fischbestände erholen.
Stattdessen hat sie in einer geheimen Abstimmung dem
Roten Thunfisch des Atlantiks die letzte Ölung
gegeben. Die Fischereinationen und der grösste
Importeur, Japan, haben gewonnen. Bald ist der Rote
Thunfisch so stark dezimiert, dass er wirtschaftlich
uninteressant wird; dann werden die nächsten Thunfischarten
ausgerottet.
Keine Chance für die Thunfische
Auch die Internationale Schutzkommission für den
Thunfisch im Atlantik (ICCAT) hat auf jeden Fall auf
der ganzen Linie versagt: noch im November 2009 konnten
sich die 48 Mitgliedstaaten nicht über ein Fangverbot
für den Roten Thunfisch einigen, sie haben lediglich
die Fangquote etwas reduziert. Ob sich diese Bestände
erholen ist fraglich denn eine Studie von WWF zeigt,
dass der Rote Thunfisch bis ins Jahre 2012 im Mittelmeer
ausstirbt, wenn weiter gefischt wird.
Der Thunfisch hat sich über Jahrmillionen perfekt
an seinen Lebensraum angepasst. In ein paar Dutzend
Jahren hat der Mensch dieser Pracht der Evolution trotz
seiner hohen Geschwindigkeitsleistung nachstellen können.
Wird der Rote Thunfisch also auf die Liste der ausgestorbenen
Tiere aufgenommen werden müssen?
SIE entscheiden über das Schicksal der Thunfische!
Es gibt 8 Arten, die zur Gattung der eigentlichen Thunfische
gehören. Alle werden durch die Befischung bedroht,
einige sind so massiv überfischt, dass sie im Begriffe
sind auszusterben. Trotzdem gehören sie zu den
meist gegessenen Fischen.
• Essen Sie keinen Thunfisch; weder frisch noch
aus der Dose.
• Thunfische sind Raubfische und leben am Ende
der Nahrungskette: sie reichern besonders viele Schadstoffe
wie Schwermetalle in ihrem Körper an.
• Wollen Sie Fisch essen, wählen Sie pflanzenfressende
Süsswasserfische aus einheimischen Gewässern.
Fragen Sie im Geschäft und Restaurant danach!
• Eine gute Alternative: Vegetarische Gerichte
bevorzugen.
09.03.2010/Monica Biondo
|